Zur Hauptnavigation springen Zum Hauptinhalt springen

Aktion / Bericht

Störenfriede braucht das Land!

Oskar Brüsewitz und die weiterhin unbeantwortete Frage nach dem Verhältnis zwischen Kirche und Staat

Die Gedenkwoche an den Pfarrer von Rippicha, Oskar Brüsewitz, der sich vor 50 Jahren am
18. August 1976 vor der Michaeliskirche in Zeitz verbrannte und 4 Tage später an den Folgen
dieser Selbstverbrennung starb, stand ganz im Zeichen von Erinnerung, Aufarbeitung und
Erkenntnisgewinn. Mitglieder der ÖDP Ostthüringen sind am 18.08.26 der Einladung zu einer
öffentlichen Filmvorführung ins Kino Zeitz gefolgt, wo am Tag seiner Selbstverbrennung vor
50 Jahren der aufschlussreiche Dokumentarfilm „Der Störenfried“ gezeigt wurde. Im
vollbesetzten Kinosaal, wo zahlreiche weitere Interessenten leider keine Möglichkeit mehr
bekamen an der Filmvorführung teilzunehmen, wurde den Zuschauern ein authentischer
Einblick in die Denk- und Verhaltensweisen von Oskar Brüsewitz und vor allem auch der
ehemaligen DDR-Bürger im heutigen, ländlich geprägten Burgenlandkreis gezeigt. Das große
Interesse am „Störenfried“ Brüsewitz bringen die ÖDPler aus der benachbarten Gemeinde
Gera u.a. mit der Tatsache in Verbindung, dass das markante Neonkreuz am Kirchturm von
Rippicha viele Jahrzehnte weithin sichtbar an der nahe gelegenen Fernstraße zu sehen war.
Die heutige B2 führt von Gera an Droßdorf und Rippicha vorbei nach Zeitz. Doch Brüsewitz
war weit mehr als ein Leuchtröhreninstallateur: er war Aktivist, Christ, Dissident, Mahner
und Störenfried in einem Land, deren Bürger sich viel zu oft und viel zu lange dem Diktat
einer sozialistischen Parteiführung angepasst und untergeordnet haben. Vor allem aber war
Pfarrer Brüsewitz ein Aufrüttler gegen die zunehmende Selbstgefälligkeit der damaligen
evangelischen „Kirche im Sozialismus“.
Der Regionalvorsitzenden der ÖDP Ostthüringen, Karolin Zinkeisen, war es ein persönliches
Anliegen, vor der Filmvorführung und nach der offiziellen Kranzniederlegung an der
Gedenksäule einen Strauß Rosen niederzulegen. Schon lange beschäftigt sie sich als
evangelisches Kirchenmitglied mit der Frage des Verhältnisses zwischen Staat und Religion.
Schon länger missfallen der Ökodemokratin die Verflechtungen zwischen Kirche und Staat
und das nach der politischen Wende auch im Osten entstandene Kirchenbeamtentum. Diese
innerkirchliche Entwicklung sieht auch ÖDP-Urgestein und studierter Religionsphilosoph
Michael Gehrmann-Gacasa aus Stadtroda kritisch: „Die ÖDP hat tatsächlich viele
Kirchenmitglieder in ihrer Partei. Aber als ÖDP stellen wir auch immer wieder die Frage nach
dem wahren Auftrag und der originären Funktion von Kirche. Soll sie wie eine nichtstaatliche
kirchliche NGO geführt werden mit Personal, dass seine Pensionsansprüche durch
Steuergeld des Staates geltend macht, oder konzentriert sich Kirche wieder mehr auf
Verkündigung, Seelsorge aller ihrer Mitglieder unabhängig ihrer politischen Neigungen und
der ökumenischen Kinder- und Jugendarbeit durch Kirchenpersonal, das nicht verbeamtet
ist?“
Unvorstellbar hingegen sind Pfarrer in der DDR, die in den 70er Jahren auf Staatskosten ihr
Rentendasein finanzieren. Einmal mehr stellt sich nach der Gedenkwoche für Oskar

Brüsewitz die Frage, wie der „Störenfried“ heute auf „seine“ Kirche blicken würde – nicht nur
in Anbetracht der immensen Kirchenaustritte der letzten Jahre, sondern vor allem in Hinblick
auf die zunehmende parteipolitische Instrumentalisierung der Kirche von politisch linken
Parteien. Das Selbstverständnis von Kirche hat in den letzten Jahren stark gelitten; Brüsewitz
kann uns dabei helfen, Kirche wieder wegzubekommen von einer parteipolitisch agierenden
NGO hin zu einer überparteilichen, politisch neutralen Institution, die den gesellschaftlichen
Strömungen widersteht.
Dieses politische Eigengewicht der Kirche und deren vollständige Unabhängigkeit und
Unbeeinflussbarkeit von politischer Doktrin ist im Jahr 2026 genauso relevant wie es 1976
relevant gewesen wäre. Die ÖDP-Regionalvorsitzende sieht den kirchenfeindlichen Kurs der
AfD-Landesverbände im Osten der Republik als direkte Folge dieses innerkirchlichen
Konfliktes, für dessen Ende es nur eine Lösung geben kann: die konsequente Trennung von
Kirche und Staat und in der Folge die Umwandlung des Kirchenbeamtentums zurück in eine
nicht von Staatsmitteln abhängige Seelsorge-Institution. Mit diesem Erneuerungsprozess
würde die Kirche auch endlich dem Erbe von Brüsewitz gerecht werden. Der für viele
damalige Zeitgenossen unbequeme Pfarrer würde heute sicherlich als „Querulant“ oder
sogar als „Querdenker“ betitelt werden; Brüsewitz ist nämlich mit Sicherheit kein Märtyrer
oder gar Prophet gewesen, wie ihn einige im Nachhinein glorifizieren wollen. Er war
vielmehr eine Person der Zeitgeschichte, von der es leider viel zu wenige in unserem
heutigen politischen Establishment gibt: Er war Aufrüttler, Mahner und Aktivist, einer, der
sich nicht von der Obrigkeit hat einschüchtern lassen. Karolin Zinkeisen resümiert: „Ich bin
mir sicher, dass Oskar Brüsewitz in unseren herausfordernden Zeiten standhaft geblieben
wäre. Er hätte die Freiheit der Menschen verteidigt – und zwar so, wie es das Evangelium der
Christen den Gläubigen verspricht: keine weltliche Pflicht kann einem freien Mensch gegen
sein Gewissen politisch aufgezwungen werden; auch und gerade nicht in Zeiten von Impf-
und Wehrpflicht und erst recht nicht die Pflicht, sich politisch für oder gegen eine bestimmte
Partei in Zeiten von Demokratieverdrossenheit festlegen zu müssen.